Heute ist mein Geburtstag…
Dank an alle für die Glückwünsche…
Ich werde dreißig, nein vierzig Jahre, oder fünfzig, oder…
Ehrlich gesagt, es ist sehr peinlich, ich weiß nicht einmal, wie alt ich bin, in anderen Worten, ich kann mich eigentlich nicht erinnern, ich bin es müde, die Jahre zu zählen, genauso wie ich dieses… Krieges müde bin!
Ja, Krieg, aber ohne Bomben oder Panzer…
Es ist ein täglicher Krieg, ein Krieg ums Überleben… Überleben, in einer Gesellschaft, zerrissen von Kämpfen, der die Seele entzogen wurde, und die nur einen heruntergekommenen Körper übrig ließen, der seine Missgestalt durch Mode und Kosmetika zu verdecken sucht.
Dieser Krieg gegen den Hunger hat mich ermüdet. Und Hunger, meine Damen und Herren, kommt in vielen Gestalten. Sehen Sie, es gibt den Hunger des Magens, den Hunger des Körpers, Hunger nach Emotionen und den Hunger des Verstandes, aber der Gefährlichste von all ihnen ist… der Hunger der Seele…
Aber all das ist belanglos. Sehen Sie, ich schreibe Ihnen nicht, um über Philosophie zu sprechen. Ich schreibe Ihnen, weil ich Ihre Hilfe für eine dringende Entscheidung benötige, die Nacht bricht schnell herein; ich habe mich auf dem Nachhauseweg verirrt. Und die Nacht, meine Damen und Herren, ist nicht die des Mondes, der Sterne und der Seufzer, sie ist die der streunenden Hunde und Autos, die sich wie Fliegen an uns heran machen.
Lassen Sie mich kurz meine Geschichte erzählen, ich habe nicht viel Zeit…
Heute ist, wie ich bereits erwähnte, meine Geburtstag, und ich habe nach Jahren der Einsamkeit beschlossen, ihn mit mir zu feiern – da ich sonst niemanden habe, mit dem ich ihn feiern könnte – auch habe ich beschlossen, heute glücklich zu sein, und dass, müssen Sie wissen, ist eine sehr schwere Entscheidung.
Diese Entscheidung ließ mich lange darüber nachdenken wie ich dieses Glück finden könnte, so zermarterte ich mir den Kopf um mich daran zu erinnern, wie ich dieses Glück als Kind gefunden hatte, als meine Familie und Nachbarn noch am Leben waren. Ich erinnere mich daran, dass wir einen Kuchen kauften, ihn mit Kerzen bestückten, und ihn zusammen mit salzigem Rumi-Käse, Aufschnitt und Getränken verzehrten.
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie stolz ich darauf bin, dass ich mich an diese Details erinnern kann.
Und so ging ich in mein Schlafzimmer, nahm das wenige Geld, das ich unter meiner Matratze versteckt hielt, unter dem dringenden Bedürfnis, mir damit Glückssüßigkeiten zu besorgen.
Ich ging auf die Straße hinunter… wie üblich war es heiß, und die Sonne schien wütend und grell. Ich suchte in meiner Handtasche nach meiner Sonnenbrille, die ich auf der Straße stets trug, aber ich fand sie nicht… Ich tat mir leid, die 6 Stockwerke zu erklimmen um sie zu holen, so gab ich auf und ging meines Weges.
Wie üblich lief ich mit gesenktem Kopf, in der Erwartung, alle paar Meter auf Spucke zu treffen, oder mir einen Fuß an einem losen Stein zu verdrehen.
Ich wanderte von einer Straße zur anderen, von einer Spur auf die Nächste, bis ich die Hauptstraße erreichte. Aber ich erreichte sie schneller als gewohnt, weil mir keine einzige Pfütze aus einer geborstenen Wasserleitung in die Quere kam – wie sonst üblich – auch keine Schlaglöcher oder Gullys, denen ich stets kompetent ausgewichen war. Die Straßen waren glatt, eben, und… verdächtig sauber!
Wie gesagt erreichte ich schnell die Hauptstraße und hob meinen Kopf ein wenig, um die hohe Marmor-Schwelle des Geschäfts meines Begehrens zu betreten, aber… zu meiner Überraschung… sie war nicht da! Auch das Geschäft selbst war nicht da!
Überrascht trat ich einen Schritt zurück, nun raten Sie, was ich stattdessen sah.
Ich sah… einen Mango-Baum!
Ich schwöre es war ein Mango-Baum, und zwar nicht irgendeiner, es war der Alte, den wir schon als Kinder mit Steinen bewarfen, der unsere Grausamkeit stets mit Liebe beantwortete, indem er ein paar Früchte herab warf.
Aber… wie gelangte der Baum hierher? Wie in aller Welt genau hierher? Im Selbstgespräch sah ich mich um, und bemerkte, dass sich die gesamte Straße verändert hatte.
Der riesige Turm, der in der Mitte der Straße stand, war verschwunden, und durch die verlassene Villa ersetzt worden, in der wir als Kinder gespielt hatten, und der kleine Garten, in dem es eine Schaukel gab, um die wir uns zu Streiten pflegten, nahm jetzt den Raum des Busparkplatzes ein, und auch waren die Purpur-Veilchen und die Jasmin-Bäume anstelle des großen Zaunes mit dem „Vertreten Verboten!“ Schild erschienen, ich kannte diese Bäume sehr gut, ich hatte mir einiger ihrer Blüten geborgt, um sie an Festtagen meiner Mutter zu schenken.
Alles, wie es gewesen war… die selbe sanfte Brise… die selbe warme Sonne.. die selbe Stille.
Plötzlich umfing etwas meinen Körper, das Scharlachrot kehrte in meine Adern zurück, meine Glieder fühlten sich wieder lebendig an, jedes einzelne.
Mein gebeugtes Haupt erhob sich, und meine braunen Augen reflektierten die Strahlen der Sonne.
Tief einatmend schloss ich meine Augen mit einem Lächeln auf dem Gesicht, die Tränen liefen mir herunter…
Ich fühlte meine Seele zu mir zurückkehren, die Seele, die ich an die Kämpfe verloren glaubte… Diese Kriege, die meine Rückenknochen und meinen Kiefer zerschmettert, und tiefe Narben hinterlassen hatten, von denen ich gerne vorgab, sie nicht zu besitzen.
Ich spürte eine tiefes, mysteriöses Glück, ähnlich der Freude, mit der wir als Kinder in die Wellen des Meeres sprangen.
Fast tanzte ich vor Freude, doch hatte ich Angst, wegen der Wiedererweckung von Seelen verhaftet zu werden.
Und als ich in all dieser Schönheit badete, erschien plötzlich ein Schwarm von Frauen die schwarze Kleider trugen, schnell laufend, ihre Köpfe gebeugt, so dass ihre Gesichter nicht gesehen werden konnten, angeführt von einer Gruppe von Männern, mit düsteren, versteinerten Mienen. Alle versteckten ihre Augen hinter dunklen Sonnenbrillen, gleich wie meine, die ich vergessen hatte!
Mein Körper und meine Seele bebten, so beschloss ich, diesen Ort zu verlassen…
Ich begann, auf vielen unbekannten Straßen zu gehen, oder, ich kannte sie alle, aber sie wirkten in meiner Erinnerung verschwommen, ich sah mich um… fragte mich, wo mein Haus war. Ich wusste nicht, wo es war.
Und als ich durch meine Erinnerung hinkend, eine Straße nach der Anderen entlang lief, erschien ein Mann in kurzer, weißer Robe vor mir, er kam näher, etwas kühn in seiner Hand haltend.
Ich tat einen Schritt zurück, fühlte wie meine Seele in eine Ecke meines Herzens rutschte… der Mann hob seine Hand zu meinem Gesicht, in ihr eine schwarze Sonnenbrille, sagte mit heiserer Stimme: „Setz sie auf!“.
Ich wich noch weiter zurück, er packte meine Hand und drückte die Sonnenbrille aggressiv hinein, und sagte: „Schwimm nicht gegen den Strom und akzeptiere deine Realität, ohne Sonnenbrille wirst du den Weg Nachhause nicht finden“… Dann verschwand er…
Ich stand wie erstarrt, erschrocken, wusste nicht, was tun… sollte ich sie tragen um meinem Weg Nachhause zu finden, oder sollte ich nicht… und meine anonyme Reise auf der Suche nach mir selbst fortsetzen?
Bitte, helfen Sie mir! Die Sonnenbrille… ist immer noch in meiner Hand!
Rania Refaat